Ein Wort aus Blut: Mein erster Fall mit Sherlock Holmes

Conan Doyle habe ich gelesen, lange bevor ich ihn verstand. Heute weiß ich, was in „A Study in Scarlet“ steckt: ein Toter ohne Wunde, ein Wort aus Blut und der Anfang des modernen Krimis.

Die Helden meiner Kindheit hießen Conan Doyle, Agatha Christie, Edgar Wallace, Chandler, Hammett und Dorothy L. Sayers. Für ihre Geschichten war ich viel zu jung. Gelesen habe ich sie trotzdem alle. Verstanden habe ich sie nicht, jedenfalls nicht richtig.

Einer von ihnen hat den Krimi geprägt wie kein anderer. Sein erster Fall beginnt so:

London, 1887. In einem leeren Haus liegt ein toter Mann. Er hat keine Wunde, nichts deutet auf einen Kampf. Aber an der Wand steht, mit Blut geschrieben, ein einziges Wort: RACHE.

Inspektor Lestrade ist sicher, dass jemand „Rachel“ schreiben wollte und gestört wurde. Ein hagerer Mann mit Lupe widerspricht trocken. Das Wort sei vollständig, und es sei Deutsch.

Der Mann im Labor

Erzählt wird „A Study in Scarlet“ von Dr. John Watson, einem Militärarzt, der verwundet aus Afghanistan zurückkommt und ein günstiges Zimmer sucht. Seinen künftigen Mitbewohner trifft er in einem Krankenhauslabor. Sherlock Holmes hat dort gerade einen Nachweis für Blutflecken gefunden und freut sich darüber wie ein Kind über ein neues Spielzeug.

Jahre nach meiner ersten Lektüre habe ich selbst als MTA in der Gerichtsmedizin gearbeitet. Spätestens seit damals lese ich diese Szene anders.
Holmes behandelt ein Verbrechen schon vierzehn Jahre früher wie ein wissenschaftliches Problem. Wie mühsam die echte Kriminalistik ihm hinterherkam, steht in einem Buch, das mich ebenso geprägt hat wie die Krimis: Jürgen Thorwalds „Das Jahrhundert der Detektive“.

Watson staunt, zweifelt und fragt nach, genau wie wir. Ein Genie ist nur erträglich, wenn jemand Normales danebensteht.

Der Bruch in der Mitte

Dann tut Doyle etwas Unerhörtes. Der Täter ist gerade gefasst, da verlässt der Roman London und springt in die Salzwüste von Utah, Jahrzehnte zuvor. Spätestens hier dürfte ich als Kind den Faden verloren haben.

Dort liebt der junge Jefferson Hope Lucy Ferrier. Die Ältesten der Mormonengemeinde haben sie einem anderen versprochen (Doyles Bild der Mormonen ist reißerisch und historisch mehr als fragwürdig). Die Flucht scheitert, Lucys Vater wird getötet, sie selbst zur Ehe gezwungen. Wenige Wochen später ist sie tot. Hope jagt die beiden Verantwortlichen zwanzig Jahre lang, bis nach London.

Mitleid mit dem Mörder

Zurück in der Baker Street ist der Mörder kein Ungeheuer mehr, sondern ein Mann, dem man alles genommen hat. Seinem ersten Opfer ließ er die Wahl zwischen zwei Pillen, eine harmlos, eine tödlich. Die andere schluckte er selbst.

Darf man mit einem Mörder fühlen? Doyle, selbst Arzt, weicht der Antwort aus: Hope bekommt eine Diagnose statt eines Urteils. Er stirbt vor dem Prozess an einem Aortenaneurysma.

Was hängen geblieben ist

Verstanden habe ich damals wenig. Hängen geblieben ist offenbar genug. Meine Anja Wesseling ist Rechtsmedizinerin und darf offiziell gar nicht ermitteln. Sie tut es trotzdem. Wie Holmes ist sie keine Polizistin, sondern jemand, der genauer hinsieht.

Das Wort an der Wand war übrigens eine falsche Fährte. Hope schrieb es mit seinem eigenen Blut. Vor Aufregung hatte er Nasenbluten bekommen.

Und du? Welches Buch hast du gelesen, lange bevor du es verstanden hast?

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